Becoming German

Becoming German

Seit ziemlich genau einer Woche bin ich Deutscher. Ich trage noch keine Lederhose, esse noch kein Sauerkraut und bin fußballtechnisch noch bei den Dauerverlierern der WM.

 
Aber es fühlt sich erstaunlich gut an, German zu sein.

Morgengrauen

Angefangen hat dieser lange Prozess im Juni 2016 – im Morgengrauen (in doppeltem Sinne) nach dem Brexit-Referendum. Irgendwann Ende der 1990er bin ich zwar von der Stadt Ludwigsburg angeschrieben worden: Ob ich vielleicht auch Staatsbürger dieses Landes werden möchte? Das erschien mir aber damals in den sonnigen Zeiten vor der Finanzkrise, Trump und dem Brexit völlig überflüssig. Heh, we’re all in the EU.


Aliens

Dann kamen das politische Unwetter und das persönliche Umdenken. Ich habe mich trotzdem nur langsam mit diesem BecomingGerman-Gedanken anfreunden können. Ich lebe zwar länger hier als in the United Kingdom. Habe mich aber immer als “Reingeschmeckter” gesehen. Großbritannien empfand ich noch als meine Heimat – obwohl ich mir dort oft wie ein Alien vorkomme.
 
 
Wie “britisch” ist man nach 31 Jahren im Ausland?
 
Aber Ende 2016 stand für mich die Entscheidung fest: I’m applying for German citizenship.
 
Die Einbürgerungprozedur ist je nach Bundesland (und Landkreis?) leicht unterschiedlich. Und die Online-Erklärungen nicht immer ganz klar formuliert.
 
Für Ludwigsburg musste ich folgende Vorausetzungen erfüllen:
 
 
Meine Geburtsurkunde war unauffindbar – und musste neu beantragt, anschließend übersetzt und beglaubigt werden. Für die Anfertigung einer beglaubigten Kopie meines Passes fühlte sich das Rathaus nicht zuständig – bis das Stichwort “Einbürgerung” fiel. Dann ging es doch.
 

Viele Amtsgänge

Auf den Einbürgerungstest gibt es eine Wartezeit von etwa drei Monaten. Und die Dame bei der Volkshochschule (dort ist die Anmeldung) meinte, man würde das politische Geschehen an den Nationalitäten der Antragsteller ablesen können.
 
Die typischen Fragen findet man hier:
 
Manche sind, sorry, saublöd – “mit wie vielen Frauen darf man gleichzeitig verheiratet sein?”. Da vermutet man fast eine Fangfrage! Andere dagegen recht knifflig: “Wie wird der Bundestagpräsident in der Regel gestellt”? Ich lag falsch. Es ist nicht der Alterspräsident für die Konstituierende Sitzung. Naja, immerhin habe ich ohne Besuch des entsprechenden Kurses bestanden.
 
Lieber Martin, die Legislaturperiode vom Landtag B-W beträgt FÜNF Jahre nicht vier

 

Die Rente ist sicher

Da ich seit 30 Jahren selbstständig bin, war das Schreiben eines Lebenlaufes gar nicht so einfach. Wann genau ging ich als Englischlehrer nach Griechenland? Wie lange habe ich bei Ruhrgas gearbeitet? Die Auszüge der Deutschen Rentenversicherung haben geholfen.
 
Manche Behörden wollen den Lebenslauf noch handschriftlich. Bei mir hat dieser Vorgang eine Woche gedauert – ich bin es schlicht und ergreifend nicht mehr gewohnt ohne Tastatur zu schreiben. Nach jeweils einer Viertelstunde hat mein Handgelenk gestreikt. Erst später stellte sich heraus: Ludwigsburg ist auch im digitalen Zeitalter angekommen – der PC-Ausdruck hätte genügt. Na, toll.
 

Plan C

Ein Anruf bei der sympathischen Beamtin mit Zuständigkeit für Personen mit einem Nachnamen mit dem Anfangsbuchstaben “C” ersparte mir den stundenlangen (mehr oder weniger einen ganzen Tag) und teuren Sprachtest (120 EUR). Ich kenne Kollegen, die trotz ausgezeichneter Deutschkenntnisse und langer Berufserfahrung nicht so viel Glück hatten.

 
Zum Schluss blieb ein 8-seitiges PDF-Formular: Dabei gab es Fragen wie: Wo und wann haben Ihre Eltern geheiratet? Oh Gott, wer weiß denn so was??? Zum Glück meine Schwester.
 

Kopfzerbrechen

Ich musste alleWohnorte in meinem Leben mit den entsprechenden Aufenthaltszeiträumen angeben – bei meinem bewegten Leben (mit Lebensabschnitten in fünf verschiedenen Ländern in den 1980ern) gab es viel Kopfzerbrechen. Und in welchem Monat und Jahr bin ich von Stuttgart nach Ludwigsburg umgezogen? Ich wusste es nicht mehr so genau – dafür das elektronische Meldewesen von LB.
 
Hier das Formular:
 
Nach fast anderthalb Jahren hatte ich also endlich alle Unterlagen beisammen – und durfte vorsprechen. Der Termin ging recht flott vonstatten – aber insgesamt könnte es noch 10 bis 12 Wochen dauern, meinte Frau H. Ich bekam das Grundgesetz in Auszügen ausgehändigt. Nach ausgiebiger Lektüre daheim durfte ich nach etwa einer Woche den zweiten Termin wahrnehmen – und Folgendes unterschreiben:
 
Ich erkläre feierlichdass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte.
 

Das ging aber dann doch schnell!

So, dachte ich, es werden jetzt noch weitere 10 Wochen sein, bis ich Post bekomme. Von wegen. Zwei Tage später hatte ich schon die Bestätigung, dass mein Antrag angenommen wurde. Ich hätte vor Freude hüpfen können. So viel Emotion hat mich selber überrascht.

 
Ich habe 255 EUR (eine Umrechnung aus Zeiten der deutschen Mark?) überwiesen und bin eine Woche später am 8. März zum dritten und letzten Termin erschienen. Nach Überprüfung des Zahlungsbeleges durfte ich den Eid nun auch mündlich ablegen. 
 

Schwuppdiwupp

Eine knappe Stunde später wartete ich im kleinen Sitzungsaal des recht modernen und freundlich gestalteten Gebäudes des Landratamtes mit 29 weiteren Kandidaten (aus 17 verschiedenen Ländern) gespannt auf die Einbürgerungsfeier. Nach der kurzen, netten Ansprache (unter anderem: “Ich hoffe, Sie werden diesen Schritt nicht bereuen”!!) wurde jeder einzeln aufgerufen und durfte seine Urkunde in Empfang nehmen.
 
So, jetzt hast du deine Urkunde, Martin (und das Grundgesetz in der Vollversion)
 
Ich fande die Zeremonie bewegend. Leider hatte ich einen Folgetermin und konnte von den Butterbrezeln und Erfrischungsgetränken nicht profitieren. Aber es war insgesamt schön. Auf einmal war das Ganze vorbei: I was German.
 
Auch die DDR (und gelbe Zettel) sind Teil meines Lebens
Im Gegensatz zu den allermeisten Einbürgerungswilligen musste ich meine ursprüngliche Nationalität zum Glück nicht aufgeben. 

 

 
Denn the United Kingdom ist NOCH Teil der EU. Was nach März 2019 passiert, ist ungewiss. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mir die Urkunde wieder aus den Händen gerissen wird. Auch Schweizer dürfen die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen.
 
Im Beamtendeutsch ist man dann “Mehrstaater” – und man bekommt eine entsprechende “Belehrung”.
Meine vielen Freunde aus den USA dagegen müssen sich zwischen den beiden Staatsbürgerschaften entscheiden.
 

No way?

Und wenn ich mich auch entscheiden müsste? Vor einem Jahr hätte ich gesagt: No way, I’m not giving up my UK citizenship. Ich würde mich wohl immer noch für GB entscheiden. Vor allem, weil ich das Aufenthaltsrecht nicht aufgeben möchte.

 
Aber die Entscheidung wäre nicht mehr so eindeutig. Meine Einstellung zu Deutschland hat sich tatsächlich durch diesen Einbürgerungsprozess verändert – zum Positiven.
 
Ich habe viel über mein Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen (auch zum Schwabenland und den Schwaben) reflektiert. Ich habe festgestellt: Ich bin Mitte der 1980er hierhergekommen. Und mein Deutschlandbild war auch etwas in diesem Jahrzehnt stecken geblieben. Verallgemeinerungen auch negativer Art sind mir zu oft über die Lippen gekommen.
 
Mir geht es hier gut. Ich finde hier vieles nicht perfekt (wo gibt es Perfektion?) aber richtig gut: die soziale Marktwirtschaft, das politische System, ja sogar die deutsche Gründlichkeit und den weit verbreiteten Wunsch, sein Handwerk ordentlich zu machen.

 

 
Fazit: Ich bin nicht nur “erleichtert”, in der EU bleiben zu dürfen. Ich bin richtig froh, die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben – und hier “angekommen” zu sein.
 
Ich denke, ich werde jedes Jahr den 8. März feiern.
 
So you’re celebrating becoming German with a London beer in a Liverpool mug? Ok….
 
Prosit.

 

Brexit – meine persönliche Perspektive

Brexit – meine persönliche Perspektive

Bin gestern Abend mit der Nachricht eingeschlafen, „Remain“ liegt 10 Prozentpunkte vorne. Alles gut – sweet dreams! Heute Morgen um 6 Uhr habe ich im Halbschlaf gelesen: „Leave“ hat gewonnen. Shit. Danach habe ich laufend SMS, WhatsApp und Emails bekommen – vor allem von Landsleuten, die das nicht für möglich gehalten haben.


The Economist gehört zu den wenigen Medien, die immer noch richtig informieren



Es ist für mich ein finanzieller, geschäftsmäßiger und persönlicher Tiefschlag. Das ganze Team im Büro ist geschockt, wie gelähmt – die Stimmung wie nach einem plötzlichen Todesfall in der Familie.

Es haben vorwiegend Männer, Arbeiter, ländliche Gegenden und Ältere für den Austritt gestimmt. England sowieso – aber auch Wales (hätte ich nicht gedacht). Ich durfte nicht mitwählen. Wer mehr als 15 Jahre außerhalb von the UK lebt, hat (thanks, Margaret Thatcher) kein Stimmrecht mehr. Bei Parlamentswahlen kann ich das noch nachvollziehen. Aber hier ging es auch um meine Zukunft – und um die von mehr als 1,5 Millionen Briten, die in anderen EU-Ländern wohnen (in Germanysind es etwa 100.000).

Leider sind aber nur etwa 35% der unter 24-Jährigen wählen gegangen



Ich habe von der EU sehr profitiert. Und auch wenn ich um die Mängel weiß (ich sollte mal für eine kleine EU-Einheit eine 100-seitige „Broschüre“ schreiben – erm, es reichen auch fünf Seiten?), so weiß ich um die Vorteile.

Haupthema der „Debatte“ (Schlammschlacht) war Einwanderung. Einwanderung ist natürlich für manche „bedrohlich“, vielleicht in Einzelfällen eine echte Belastung – aber es ist auch was Positives, vor allem für ein Land wie das Vereinigte Königreich, das (genau wie Deutschland) an Überalterung leidet.

Ich bin Einwanderer. Meine Mitarbeiter auch. Freedom of movement works two ways. And I like it.

Wenn wir den europäischen Binnenmarkt weiterhin bedienen wollen (60 % unserer Exporte gehen laut BBC dorthin – laut ARD “nur” 45%), so werden wir wohl Personenfreizügigkeit (was für ein Wort!) weiterhin akzeptieren müssen.

Außerdem (in UK ganz vergessen): Die „große Einwanderungswelle“ (erm, etwa 0,5% der Gesamtbevölkerung im Jahr) hat mit der EU-Erweiterung 2004 eingesetzt – die vor allem von der UK forciert wurde, um die Macht der Kernländer (und deren Integrationsbestrebungen) zu verwässern. Und wir haben – im Gegensatz zu den sonstigen EU-Nationen kein Moratorium gegen die Einwanderung aus den neuen Mitgliedersländern verhängt.

Die Einwanderung und die EU wurden jahrelang zum Sündenbock gemacht – für Wohnungsmangel, lahmende Wirtschaft, niedrige Löhne, schlechte Infrastruktur. Was die Zeitungen (und UKIP) manchmal aufgetischt haben, war nicht mehr feierlich: Halbwahrheiten, Lügen, Polemik.

Erm, das sind keine EU-Bürger… und sie versuchen gerade einem Bürgerkrieg zu entkommen – würde ich auch



Es werden wohl jetzt noch weniger junge Leute Deutsch studieren (dabei hat sich die Zahl der Uni-Absolventen in den letzten 10 Jahren schon halbiert – thanks, Tony Blair, der Fremdsprachen als Pflichtfach abschaffte).

Stichwort Vereinigtes Königreich: Schottland wird wohl bald aus der United Kingdom aussteigen – um bei der EU wieder einzusteigen. Oh Gott, liebe Schotten, lasst uns nicht allein. Auch wenn ich vieles an meiner Heimat liebe – viele (nicht alle) Engländer (eher Engländer als Briten) können sehr konservativ, engstirnig und kleinkariert sein. Inselaffen halt. Ich will nicht aus Little England sein. Ich will aus the United Kingdom sein.

Unsere beiden Americans hatten gleichzeitig denselben trüben Gedanken: Trump könnte tatsächlich gewinnen. I hope not.

Ich werde die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Aber nur wenn ich meine Britische (Kleinenglische) nicht aufgeben muss. Als EU-Bürger geht das… aber bin ich das noch?

Was passiert jetzt mit anderen Ländern und deren EU-feindlichen Parteien? Was passiert mit der europäischen (und britischen) Wirtschaft?


Ich bin tief traurig und habe ehrlich gesagt etwas Angst.

Wie sagte Asterix so schön? Die spinnen doch die Briten!


Look behind you!!!