n-tv should watch its words

Ich hab schon mal erwähnt, dass ich ein n-tv junkie bin – also süchtig nach dem Nachrichtensender n-tv.

Und dass ich auch von deren flüssigen Übersetzungen aus dem Englischen angetan bin.

Allerdings: manchmal hapert es an der Genauigkeit.

Doch gerade mitten in der credit crunch werden die Worte der Politiker auf die Goldwaage gelegt.

Beispiel 1:

US Treasury Secretary, Henry Paulson, warned yesterday: “One thing we must recognise – even with the new Treasury authorities – is that some financial institutions will fail.”

Bei n-tv war sich Mr Paulson plötzlich weniger pessimistisch – da sprach er nur noch davon, dass sie Pleite gehen könnten.

Macht ja nix…

Beispiel 2:
Diesmal wurde die Vorsicht des isländischen Premierministers weggewischt:

Geir H. Haarde: “We will not be closing banks but it is conceivable that some of them will not be able to function without our authorities intervening”

Bei n-tv war conceivable (also denkbar) plötzlich “offensichtlich”.

Macht ja nix…

Beispiel 3:
Ach, ich weiss nicht mehr, wer das war – aber irgend ein hohes Tier sagte im Interview: “I keep getting texts about it”. Texts ist richtiges Englisch für SMS, was (eher) denglisch ist. Das wusste der n-tv Reporter natürlich nicht – und aus den SMS wurden Briefe.

Macht ja nix…

Notpimmel am Flughafen Frankfurt

Ja, eine ungewöhnliche Überschrift, gebe ich zu. Aber das gibt die Übersetzung her.

Denn: Es gibt bekanntlich Wörter mit mehreren Bedeutungen – und der Muttersprachler hat im Kopp eine eindeutige “Reihenfolge” der Assoziationen. Und es gibt natürliche und nicht ganz natürliche Wort-Kombinationen (Kollokationen). Wenn dies beim Übersetzen nicht beachtet wird, so kann es fatal-amüsante Folgen haben.

Ein stopcock ist eindeutig ein Absperrventil.

Cock hat dagegen verschiedene Bedeutungen – aber vor allem eine: Pimmel.

Ich bin für folgendes Bild den Twin Translators – siehe http://www.uebersetzungsfehler.com/ – ewig dankbar.

Also selbst für einen Notpimmel ist das etwas klein geraten, finde ich.

Verantwortunglos am Flughafen Stuttgart

Das Flughäfele Stuttgart ist angeblich international. Und deswegen schwätzt man auf Englisch.

Auf der Website kümmert sich aber keiner um die Qualität der Inhalte:

No responsibility is taken for the correctness of this information.

Schade. Was ich durchaus hätte verstehen können wäre: No responsibility is accepted for the accuracy of information provided on this Website. Oder gar liability. Aber so…

Außerdem ist die Website übersät mit deutschen Textfetzen.

Take a look:

http://www.stuttgart-airport.com/sys/index.php?section_id=0&id=0&lang=1

Gut, meine Mutter würde “Schnellbuchung” vielleicht gerade noch verstehen. Aber bei “Abflug” wäre sie wohl überfragt. Was der reibungslosen Rückkehr hinderlich sein könnte.

Ach, ein Schmerzmittel für Kriminelle?

Bayer hat ein neues Produkt. Aspirin Effect. Dazu braucht man kein Wasser und daher – laut eigener Website – the perfect delivery form for when you are on the run. Also wenn man auf der Flucht ist. Kann ich mir gut vorstellen: über den Stacheldraht, dann durchs Gestrüpp, vielleicht ein Gummiknüppel auf die Birne – da bekommt man schnell Kopf- und Gliederschmerzen.

Gemeint war wohl: on the move, on the road, mobile professionals, on the go (wobei Letzteres eher die Geschäftigkeit/Aktivität als die Mobilität ausdrückt). Aber definitiv nicht on the run!

Insgesamt klingt der Text recht komisch – womöglich sogar von einem Außengeländer übersetzt. Hätte ich von Bayer echt nicht erwartet.

http://www.aspirin.com/aspirin_effect_en.html

Warum gibt es so viele schlechte Übersetzungen/Übersetzer?

Da gibt es jede Menge Gründe. Hier nur unsere Top Ten.

1. Es wird meist pro Zeile bezahlt – also je schneller und schludriger ich bin, desto mehr verdiene ich. Fragen, Recherche, Umformulieren? Koschtet Zeit und Geld.

2. Kaum jemand wird richtig ausgebildet – Germanistik/Anglistik? Ja. Die hohe Kunst des Übersetzens? Nein. Mittelhochdeutsch und feingeistige Literatur? Ja. Verständnis (und das entsprechende Vokabular) für technische und betriebswirtschaftliche Themen? Nein. Auch das Schreiben wird nicht gezielt unterrichtet. Inzwischen sind auch viele Sprachendienste in Unternehmen dichtgemacht worden – das spart jede Menge Geld, hat aber einen wichtigen „Ausbildungsweg“ zunichte gemacht.

3. Die großen Büros arbeiten vorwiegend nach dem Prinzip: Masse schlägt Klasse – und verteilen ihre Aufträge an billiger-ist-besser, anonyme Freiberufler in der ganzen Welt. Für den Übersetzer gibt es wenig Austausch mit dem Kunden, und wenig Grund, auf Qualität zu achten.

4. Es gibt fast nie eine richtige Kontrolle, geschweige denn eine Überarbeitung, oder Feedback für den Übersetzer – das würde die Kosten enorm erhöhen, und verlangsamt den Prozess

5. Zahlreiche Übersetzer haben den Beruf als Notlösung ergriffen – oder aus Liebe zur Anonymität. Sie sind oft schlecht motiviert, und nicht gerade kommunikativ (und das in einem Beruf, bei dem Kommunikation im Mittelpunkt steht)

6. Überraschend viele Übersetzter haben wenig Sprachgefühl (siehe 2 und 4)

7. Erschreckend viele Übersetzter haben wenig bis keine Ahnung von den Themen, die sie übersetzen (und packen ziemlich alles an: heute Medizin, morgen Maschinenbau, übermorgen Middleware)

8. Übersetzen ist verdammt schwierig – und oft sind die Ausgangstexte unlogisch, unstrukturiert oder einfach falsch. Aus einer schlechten, komplizierten Vorlage ein gutes Endprodukt zu machen ist möglich – aber extrem aufwendig. Der Kunde sieht meist nur den Preis, und entscheidet sich dagegen.

9. Das Endprodukt kann leider oft vom Kunden nicht beurteilt werden – ich bin kein KfZ-Mechaniker, aber ich sehe und merke den Unterschied zwischen einem Porsche und einem Trabi.

10. Der Kunde ist meist nicht der Konsument. Wenn dem Konsumenten der Sprachbrei nicht schmeckt – bekommt es der Kunde in den meisten Fällen gar nicht mit.