Perfekte Optik, optimale Funktion

Ich war in diesem Jahr sehr schweigsam. Der Grund: Ich habe ganz einfach seit Anfang des Jahres kaum Zeit und noch weniger Energie. Unsere Branche war schon immer feast or famine

Aber in den letzten zwei bis drei Jahren sind die Schwankungen extrem geworden. Und es wird kaum noch was angekündigt  – selbst 30-seitige Kundenzeitschriften und 60-seitige PPTs.  Besonders beliebt: Aufträge an einem Freitag, die Montag fertig sein sollen. Aber mit solchen Feststellungen mache ich mich vielleicht eher unbeliebt. Also nehmen wir uns die obige Überschrift vor.

Kein einziges Wort haben wir wörtlich übersetzt. Fangen wir von hinten an. Mit „Funktion“ ist hier gemeint: „Es funktioniert gut“. In other words, it works (reliably). Oder etwas fachmännischer: it is operational

Optimal oder optimum sind auf Englisch nicht so sehr false friends sondern less popular friends. Es gibt fast immer etwas besseres. Optik ist hier the look, the appearance, vielleicht the (product ) design. Und perfect is selten the perfect solution für perfekt. Vor allem nicht in der Wendung: Der Auftrag ist perfekt. Das wäre signed and sealed. Oder done and dusted.

Also was denn nu?

Möglichkeiten wären:

Outstanding looks, outstanding quality
Stunning design, proven reliability
Eye-catching design, reliable results

Wie immer ist Kontext entscheidend – sowie ein Kunde, der mitentscheidet!

Übrigens:
Bin gerade in Hannover auf der Cebit – und arbeite wieder mal mit Sally Maßmann zusammen. Auch sie ist unter die Blogger gegangen:

Vorsicht: „in-house native speaker syndrome“

Warum immer wieder die Hamburger?
Eine Werbeagentur in der Hansestadt schickte uns letzte Woche as an afterthought deren Christmas Card zum Lektorat.

Es war eine mittlere Katastrophe (was vor allem in der IT-Welt disaster und nicht catastrophe heißt).

„Aber wir haben es doch intern von einer Amerikanerin übersetzen lassen.“
„Grafikerin?“
„Ja, Grafikerin – woher haben Sie das gewusst?“
Ach ja, in-house native speaker syndrome.

Nicht jeder native speaker kann übersetzen –  zum Übersetzen bedarf es Talent, Handwerk und Erfahrung. 

Und am besten rigoroser Kontrolle. Selbst nach zwei Jahren müssen sich unsere Jungen Wilden jede Zeile von mir überprüfen lassen. Die Armen.

Gerade Werbeagenturen, die es täglich mit den Nuancen der Sprache zu tun haben, müssten es besser wissen. Aber erstaunlich viele lassen die eigenen Grafiker ran (ich weiß nicht warum – aber es sind fast immer Grafiker. Aber ich mache denen keine Vorwürfe – sondern dem Auftraggeber).

Oder die Agentur-Chefs machen es gleich selber. Die boss-gebaute Überschrift war (wegen bevorstehenden Umzugs nach Bremen):
Last Christmas in Hamburg.

Ist doch völlig ok, oder? Wir kennen doch alle Last Christmas von Wham, oder?

Erm, da fehlt leider ein klitzekleines Wort. Our last Christmas in Hamburg ist richtig. Ohne our heißt es streng genommen: „Weihnachten letztes Jahr“.

Tja, was ein einziges Wort so ausmacht.

Das Ganze erinnert mich an eine ähnliche Geschichte mit einem großen Modeunternehmen, das die Weihnachtskarte vom Geschäftsführer übersetzen ließ (er lebte 5 Jahre in USA) – und in einer Auflage von 10.000 drucken ließ. Unter anderem hieß es a great jeans. Erm, das heißt a great PAIR of jeans. Nein, logisch ist das nicht. Aber Englisch. 

Die Karten wurden eingestampft. The cards were pulped

Übrigens: Demnächst sind wir auch in Hamburg vertreten!

sich outen auf Englisch

Lange habe mich lange dagegen gewehrt – aber widerwillig muss ich es hinnehmen: Der Ausdruck “he outed himself” wird langsam salonfähig – und daher als Übersetzung auch akzeptabel. Ich tröste mich damit, dass ich dadurch wenigstens eine Gelegenheit bekomme, Fussball wieder ins Blog-Spiel zu bringen:

http://www.liverpoolfc.tv/news/latest-news/brad-pitt-i-support-lfc

Eine ähnliche lingusitische Niederlage habe ich mit “Akteur” erlebt. Auch wenn ich weiterhin auf die sehr schönen Alternativen hinweisen möchte (player zB), wird in der englischsprachigen Welt immer öfter von actors (im übertragenen Sinne) gesprochen. Angefangen hat es, glaube ich, mit der EU – denn  dort werden viele englische Wörter in der Retorte gezüchtet, die sonst nicht das Licht der Welt erblickt hätten.

Serendipity and literacy

Serendipity ist ein leckeres Wort, dem ich durch die TV-Serie Dr. Who Mitte der 70iger das erste Mal begegnet bin. 

Es bedeutet eine „glückliche und unerwartete Entdeckung.“

A moment of serendipity hatte ich heute beim Übersetzen einer Pressemitteilung ins Deutsche. Ist zwar nicht our core competency aber hat sich so ergeben. Wir haben es in Zusammenarbeit mit dem genialen deutschen Texter Burkhard Anderko gestemmt. 

Es ging um Lernspiele (auf Englisch educational games), bei denen man media literacy erlangt. Da ging mir plötzlich ein Licht auf. Denn ich habe schon öfter „Medienkompetenz“ übersetzen müssen – und nie einen adäquaten englischen Ausdruck dingfest machen können.

Wikipedia gab mir Recht und Sicherheit (wobei ich in letzter Zeit einige Fehler bei wiki gesehen habe – zB ist ein „joint venture“ nie und nimmer ein „Konzern.“).
Besonders interessant – literacy als Übersetzung für Kompetenz. Es gibt auch verwandte Ausdrucke – computer literacy, multimedia literacy, technology literacy.

Übrigens: Im Zusammenhang haben wir media literacy nicht mit Medienkompetenz sondern wie folgt übersetzt: „Der richtige Umgang mit Medien“ (denn context is king!).

Molch = pig not newt

Für Linde AG übersetzen wir gerade eine Mitarbeiterzeitschrift – ein leckerer Auftrag, denn man kann die Projekte gut einplanen und im Laufe der Zeit das notwendige Fachwissen auf- und ausbauen.
Dabei habe ich einen gewissen Vorteil: Ich habe früher bei Ruhrgas AG (inzwischen von EON geschluckt) gearbeitet. Und daher wusste ich, dass ein Molch nicht a newt sondern a pig ist.

Denn ein Molch in der Gasindustrie ist ein Gerät, das zu Mess- und Prüfzwecken durch die Leitungen geschickt wird. Auch in einem James-Bond-Film (The World is not Enough) kam ein pipeline pig vor. Wie wurde es übersetzt? Na klar. Als „Schwein“.

Hier der Pig Inventor:

Hier ein Bild und eine leicht verdauliche Beschreibung eines Molchs: